Trinkgelder

Trinkgelder bilden in manchen Berufen einen oftmals gewichtigen Teil des monatlichen Einkommens. Gerade in Branchen mit tiefen Löhnen sind diese natürlich beim Empfänger sehr willkommen.

In diesem Artikel wird die Frage behandelt, ob Arbeitnehmende bei Abwesenheit vom Arbeitsplatz infolge Krankheit oder Unfall Anspruch auf Ersatz der Trinkgelder haben oder nicht (bzw. ob diese versichert sind).

Eine einheitliche Antwort gibt es auf diese Frage nicht. In der Gastronomie wurden Trinkgelder - und damit der Anspruch auf Lohnfortzahlung - bereits im 1974 via Gesamtarbeitsvertrag 'abgeschafft'. In der Beautybranche (Kosmetik, Fusspflege, Coiffeure) geschah dies im 1982. Argumentiert wurde die (theoretische) Abschaffung der Trinkgelder unter Anderem mit der gleichzeitigen Festlegung von Mindestlöhnen, in welchen die Trinkgelder inbegriffen seien. So weit so gut.

Allerdings kümmert sich die Realität wie so oft nicht um Vorgaben in Gesamtarbeitsverträgen und so sind Trinkgelder auch heute noch - gerade in der Gastro- und in der Beautybranche - an der Tagesordnung und läppern sich im Laufe des Monates bei vielen Angestellten zu einem nicht unwesentlichen Betrag. Das ist schön für die angestellte Person, denn wenn diese einen guten Job macht, soll ihr auch die Belohnung der Kundschaft in harter Währung gegönnt sein (ein Kompliment ist natürlich auch willkommen, nur lässt sich damit nichts kaufen).

Sobald aber das Leben die üble Seite zeigt und der/die Angestellte aufgrund von Krankheit oder Unfall für längere Zeit nicht arbeiten kann, schmerzt der Verlust der Trinkgelder unter Umständen empfindlich. Weil die Gesamtarbeitsverträge in der Gastro- und der Beautybranche die Trinkgelder im GAV für nichtig erklärt haben, verzichtet die AHV in der Regel auf die Erhebung von Beiträgen auf Trinkgeldern. Diese sind somit auch bei der Unfall- und bei der Krankentaggeldversicherung nicht gedeckt und damit entfällt schlicht ein Ersatzanspruch bei unverschuldeter Arbeitsunfähigkeit. Abgesehen davon - aber das liegt ja meist weeeeeit in der Zukunft - fällt auch die AHV-Rente tiefer aus, weil eben weniger Beiträge abgeliefert werden. Da es sich weder bei der Gastro- noch bei der Beautybranche um die Grossverdiener der Gesellschaft handelt, würden aber 100 oder 200 Franken mehr Rente in Zukunft durchaus eine Rolle spielen.

Weiter ist zu erwähnen, dass - auch wenn die Trinkgelder als nicht versichert gelten - je nach Umfang plötzlich das Steueramt sich mit einem mehr oder minder netten Schreiben an die Arbeitnehmende Person wenden kann (das kommt aber eher selten vor). Denn im Grundsatz sind Trinkgelder Einkommen, welche eigentlich zu versteuern wären. Damit bestätigt sich eine Tendenz, welche sich leider mehr und mehr verschärft: während die einen Behördenstellen (auch Versicherungen) sich aus finanziellen Verpflichtungen davonstehlen (beabsichtigt oder nicht), machen andere Behördenstellen munter von Möglichkeiten Gebrauch, ihre Kasse stärker zu füllen - um parallel dazu den reichen Grosskonzernen wieder Steuergeschenke zu unterbreiten. 'Betrottelt' sind speziell bei der Trinkgeldthematik die Arbeitnehmenden mit Einkommen im unteren Bereich.

Etwas anders verhält es sich in der Transportbranche. Bei Chauffeuren, Taxifahrern, Tankwarten und Bootsführern legt die SUVA mittels einer Vereinbarung fest, wie viel Trinkgeld (unfall-)versichert ist - die gleiche Summe ist auch mit der AHV abzurechnen. Bei Carreisen wird oft sogar mit den Kunden vertraglich ein zu bezahlendes Trinkgeld vereinbart. Dieses Trinkgeld gilt als versicherter Lohnbestandteil. Erhält der/die Arbeitnehmende mehr Trinkgeld als vereinbart, handelt es sich um nicht versichertes, unter Umständen aber steuerbares Einkommen, erhält der/die Arbeitnehmende weniger Trinkgeld als vereinbart, ist er/sie höher versichert (bezahlt aber auch entsprechend Prämien) und das Steueramt dürfte schon sehr gute Gründe erwarten, um ein tieferes Einkommen als vereinbart zu veranlagen (wie weist man ein tieferes Trinkgeld als vereinbart nach?)

Fazit

Trinkgelder sind in der Gastro- (LGAV Art. 9 Ziff. 3) und in der Beautybranche per GAV abgeschafft, die AHV behält sich aber trotzdem vor, die Trinkgelder als Einkommen zu veranlagen, wenn diese einen 'wesentlichen' Bestandteil des Einkommen ausmachen. (WML Ziff. 2029 ff.) Beim Steueramt wären Trinkgelder grundsätzlich zu versteuern (Art. 17 Abs. 1 DBG), allerdings verzichten die Steuerämter meist auf die Erhebung des Betrages, weil der Aufwand schlicht zu hoch ist (das schützt aber nicht vor innovativen Steuerbeamten...)

Im Transportgewerbe wird die Höhe der Trinkgelder von der Suva mittels Vereinbarung festgelegt. Der festgelegte Betrag stellt AHV- und steuerpflichtiges Einkommen dar.

Bei Unfall oder Krankheit werden Trinkgelder von den Versicherungen nur getragen, wenn diese als AHV-pflichtiges Einkommen deklariert und damit via Lohnausweis auch versteuert wurden.