Lohnfortzahlung bei Krankheit

Grundsätzlich

Die Dauer der Lohnfortzahlung bei Krankheit ist im Obligationenrecht (OR) nur rudimentär geregelt. Massgebend sind die beiden Artikel OR 324a (Grundsatz) und Artikel OR 324b (Ausnahmen). Die Artikel sind unter der Rubrik 'Vorschriften' aufgeführt.

Im Detail regelt das OR, dass

  • während den ersten 3 Monaten eines Arbeitsverhältnisses keine Lohnfortzahlung geschuldet ist.
  • ab dem vierten Monat bis zur Vollendung des ersten Dienstjahres 3 Wochen Lohnfortzahlung geschuldet sind.
  • ab dem zweiten Dienstjahr der Lohn während einer angemessenen Zeit bezahlt werden muss.

Die 'angemessene Zeit' wurde durch richterliche Rechtsprechung in Form von drei Lohnfortzahlungsskalen (Berner-Skala, Zürcher-Skala, Basler-Skala) detaillierter definiert.

Von dieser Regelung kann abgewichen werden, wenn eine Versicherung besteht, welche während der Absenz mindestens 80% des Lohnes deckt. Sind die Versicherungsleistungen geringer, muss der Arbeitgeber die Differenz zu den 80% bezahlen. Auch eine allfällige Wartefrist bis zum Eintritt der Versicherungsleistung muss der Arbeitgeber ab dem ersten Tag mit mindestens 80% des Lohnes überbrücken.

Unbefristete Anstellung

Sofern keine Krankentaggeldversicherung besteht und im Arbeitsvertrag oder im Gesamtarbeitsvertrag nichts Anderes vereinbart ist, gelten bei unbefristeten Anstellungsverhältnissen zunächst die im OR erwähnten Grundsätze:

  • Keine Lohnfortzahlung während den ersten 3 Monaten der Anstellung.
  • Drei Wochen Lohnfortzahlung vom 4. bis zum 12. Anstellungsmonat.
  • Ab dem zweiten Dienstjahr Lohnfortzahlung für eine 'angemessene Zeit'. Bei der Bemessung des Zeitrahmens sind die Anstellungsdauer und besondere Umstände des Anstellungsverhältnisses zu berücksichtigen.

Je nach Arbeitsort dient zur Bestimmung des Zeitrahmens der Lohnfortzahlung entweder die Berner-, die Zürcher- oder die Basler-Skala als Basis.

Ohne weitere Vereinbarung (Arbeitsvertrag, Gesamtarbeitsvertrag) oder ohne Krankentaggeldversicherung ist der Lohn während der nach den oben erwähnten Regeln bestimmten Zeitdauer zu 100% geschuldet. Dabei ist zu beachten, dass nebst dem Barlohn auch während der Abwesenheit nicht zur Verfügung stehende Naturallohnbezüge (z.B. Verpflegung) in bar zu vergüten sind.

Bei unregelmässigen Löhnen (Stundenlohn, Saisonniers) ist zur monetären Bemessung der Lohnfortzahlung ein repräsentativer Durchschnitt zu berücksichtigen (entweder 3 Monate oder 12 Monate)

Befristete Anstellung

Bei befristeten Anstellungsverhältnissen ist zu unterscheiden zwischen Arbeitsverhältnissen, welche

  • für maximal 3 Monate oder
  • für mehr als 3 Monate

abgeschlossen wurden.

Bei auf maximal 3 Monate befristeten Arbeitsverhältnissen erübrigt sich die Frage der Lohnfortzahlung, sofern nicht explizit anderslautende Vereinbarungen getroffen wurden.

Bei befristeten Arbeitsverhältnissen, welche für mehr als 3 Monate abgeschlossen wurden, gelten die Regeln der Lohnfortzahlung ab dem ersten Tag. Ein Mitarbeiter, welcher in der ersten Woche für längere Zeit krank wird, hat also während 3 Wochen Anspruch auf Lohn.

Lohnfortzahlungs-Skalen

Die schwammige Passage im OR, wonach die Lohnfortzahlung während einer 'angemessenen Zeit' zu gewähren ist, musste zwangsläufig zu Auseinandersetzungen vor Gericht führen. So haben sich drei Skalen etabliert, welche je nach Arbeitsort zur Anwendung kommen:

  • Die Basler-Skala in den Kantonen BS und BL
  • Die Zürcher-Skala in den Kantonen ZH, TG und SH
  • Die Berner-Skala in allen übrigen Kantonen

Den drei Skalen ist gemeinsam, dass mit zunehmender Dauer des Arbeitsverhältnisses auch die Lohnfortzahlung länger dauert. Trotzdem bestehen zum Teil beträchtliche Unterschiede. Die folgende Grafik vergleicht die drei Skalen:

Vergleich Skalen Lohnfortzahlung

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Krankentaggeldversicherung

Mit einer Krankentaggeldversicherung kann die Einkommenssicherung im Krankheitsfall verbessert werden. Der Arbeitgeber kann (muss aber nicht) die Hälfte der Prämie für die Versicherung den Arbeitnehmenden auf der Lohnabrechnung belasten.

Durch den Abschluss einer Krankentaggeldversicherung profitieren beide: Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Ein seit mehr als 6 Jahren Angestellter wird krank und kann 5 Monate lang nicht mehr arbeiten. Ohne Versicherung müsste der Arbeitgeber 13 Wochen lang den vollen Lohn bezahlen (OR, Skala Lohnfortzahlung), danach kann er die Lohnzahlung einstellen. Der Arbeitnehmer müsste in diesem Fall während der restlichen beiden Monate ohne Lohnzahlung auskommen.

Mit dem Abschluss einer Taggeldversicherung mit 30 Tagen Karenzfrist und 80% versichertem Lohn muss der Arbeitgeber nur noch während der Karenzfrist für die Lohnzahlung selber einstehen (und kann die Lohnzahlung sogar auf 80% reduzieren, siehe OR 324b). Ab dem 31. Tag erhält der Arbeitnehmer von der Versicherung die versicherten 80% seines Lohnes - und zwar für die vollen noch verbleibenden 4 Monate. Der Arbeitgeber spart sich also 2 Monate Lohnzahlung, der Arbeitnehmer gewinnt 2 Monate Lohnzahlung. Eine Win-Win-Situation.

Hat der Arbeitgeber keine Krankentaggeldversicherung für das Personal abgeschlossen, kann sich der Arbeitnehmer auch selber um den Versicherungsschutz kümmern. Möglich ist dies entweder durch einen Taggeldzusatz in der bestehenden Krankenkasse oder auch durch eine separate Lösung bei einer anderen Versicherung.